„Nachtmahre“ – Albträume im Nachkriegssozialismus

NachtmahreMartin Wauer befindet sich im Spätsommer 1981 auf Dienstreise in Ungarn und will von da nach dem Westen „abhauen“. Diese Flucht hat er jahrelang mithilfe seines Vetters aus München vorbereitet. Während Wauer in Budapest auf den Cousin warten muss, gleitet sein bisheriges Leben in der DDR an ihm vorüber: In den letzten Wochen des zweiten Weltkrieges in einer kleinen Bergarbeiterstadt des Erzgebirges geboren, wächst in der Obhut seiner tapferen Mutter trotz der Schwierigkeiten der so genannten „schlechten Zeit“ wohl behütet und umsorgt auf.

Bis sein Vater aus sowjetischer Gefangenschaft zurückkehrt. Da erlebt er sein erstes Trauma. Denn dieser Mann, der als Artillerieoffizier fünf Jahre im Zweiten Weltkrieg für das tausendjährige Reich gekämpft und fünf Jahre in sowjetischer Gefangenschaft das stalinsche Grauen erlebt hat, verändert ihr bisheriges trautes Leben als Kleinfamilie grundlegend.

Martin Wauer fängt bald an, über die Widersprüche der Überzeugungen seines Vaters nachzudenken. Immer mehr distanziert er sich innerlich davon, bis er endlich, nach seiner Lehre als Maurer, ein eigenes Leben beginnen kann. Enttäuscht von der bigotten Lebenshaltung seiner Eltern wendet er sich den Menschen der „Neuen Zeit“, den Apologeten des Sozialismus in der DDR zu.

Es dauert jedoch nicht lange, und er erkennt auch in dieser antifaschistischen, antikapitalistischen Gesellschaft das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit und beschließt, desillusioniert von der stalinschen Diktatur des Proletariats, seine Heimat zu verlassen und in den Westen zu gehen.

Doch Wauer wird während der Bachschen h-moll-Messe, die er in einer Budapester Kirche erlebt, urplötzlich anderen Sinnes. Und als sein Vetter endlich in Budapest aufkreuzt, teilt er ihm mit, dass er wieder in die DDR zurückkehren wird.


Tykve, 1991 – ISBN: 3-925434-49-6