Bilderstürmer

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Donnerstag, 10. Mai 2018

Am 5. Mai dieses Jahres feierten hohe Vertreter verschiedenster Vereinigungen, Kirchen und Parteien in der altehrwürdigen Konstantinbasilika zu Trier den 200. Geburtstag eines großen und den für die Neuzeit wahrscheinlich bedeutendsten deutschen Philosophen.

Der Tag war Anlass für unzählige Kolumnisten, Politiker und Vertreter aller Gruppierungen, um den in der ältesten deutschen Stadt geborenen Karl Marx zu würdigen oder zu bashen. Während die einen, eher „links“ verorteten Mitbürger, die Bedeutung des Philosophen und Politökonomen für die Entwicklung der Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert hervorhoben, lasteten ihm die eher Konservativen die Verbrechen der bolschewistischen Diktaturen in aller Welt an. Triumphierend stellten einige Rechtsintellektuelle zudem fest, dass der Kommunismus weltweit passé sei, während der Kapitalismus dabei ist, auch das vorletzte kommunistische Bollwerk, die Volksrepublik China, zu überrollen. Manche diffamierten sogar den erfolgreichsten deutschen Denker des 19. Jahrhunderts wegen seiner stets prekären wirtschaftlichen Verhältnisse und seines Antijudaismus. Als Höhepunkt seines Geburtstagsfestes konnte wohl die Enthüllung der vom bekannten Bildhauer Wu Weishan geschaffenen Marxstatue gelten, welche die kommunistische Führung Chinas der Stadt Trier übereignet hat.

Wir hier unten waren hocherfreut, dass die bundesdeutschen und alternativen Medien eine derartige Meinungsvielfalt boten und können dies zunächst als ein Beispiel dafür werten, dass in der BRD noch namhafte Reste von Meinungsfreiheit vorhanden sind. Freilich muss Gedanken- und Meinungsäußerungsfreiheit nicht gleichzeitig bedeuten, dass das, was gedacht und gesagt wird, qualitativ auch befriedigend ist. Karl Marx und Friedrich Engels die Schuld an Millionen Toten der linksfaschistischen Diktaturen, von Adolf Hitler über Josef Stalin bis zu Mao tse Tung und Pol Pot in die Schuhe zu schieben, offenbart u.a. ein gerüttelt Maß an Geschichtsunverständnis. Und es ignoriert die historische Erfahrung, dass die Herrschenden alle Weltanschauungen stets zuerst von den Füßen auf den Kopf gestellt und zu Ideologien, zu Glaubenslehren, zu „Ismen“, uminterpretierten, bevor sie zum Massenwahn wurden.

Was den Marxismus betrifft, hätte es ohne das „Kommunistische Manifest“ von 1848 allerdings kaum die Entwicklung einer Arbeiterbewegung gegeben und die malochenden Massen vegetierten heute noch in den Hinterhöfen der ersten industriellen Revolution. An Marx´ Lehren der politischen Ökonomie ist vieles immer noch richtig, das zeigt ja gerade die Entwicklung der Produktivkräfte der vierten industriellen Revolution unserer Zeit und ihre Wirkungen auf Kapital und Arbeit in den letzten beiden Jahrzehnten. Im 21. Jahrhundert können wir uns inzwischen an Marxkritikern von Karl Popper über Friedrich Hayek bis zu John Maynard Keynes und Milton Friedman von der „Chicagoer Schule“ erfreuen. Die von Marx und Engels exakt vorausgesagte exorbitante Konzentration des Kapitals und die steigende Aggressivität des angloamerikanischen Imperiums erfreut uns hier unten hingegen keineswegs.

Wer Marx und Engels ernsthaft die Millionen Toten der pseudosozialistischen Systeme des vergangenen Jahrhunderts anlasten will, sollte dann aber auch Jesus verantwortlich dafür machen, dass das Christentum in seinem zweitausendjährigen Bestehen den absoluten Rekord an der Vernichtung Andersdenkender auf allen Kontinenten hält und wohl auch vom Islam nicht so schnell zu schlagen ist. Dazu hätte es nicht einmal Luther und den ersten Dreißigjährigen Krieg gebraucht…

Der Erste Weltkrieg und die darauf folgenden drei Jahrzehnte Krieg wurden im übrigen von den christlichen Angelsachsen eingefädelt, weil sie sich so die Konkurrenz des Deutschen Reiches vom Halse halten und ihr Imperium retten wollten. Mit dem Versailler Diktat fuhren sie ein eklatantes Ergebnis ein und schufen außerdem den Anlass für den 2. Weltkrieg. Die späteren mehr als 200 Kriege der US-Amerikaner basierten ebenfalls nicht auf Marx` Weltanschauung. Der „Große Vaterländische Krieg“ der Russen unter Stalin war ein Verteidigungskrieg und China hat bislang keinerlei Eroberungskriege zu verantworten.

Wir hier unten glauben, dass die Weltanschauungen der großen Denker unserer Spezies, von Konfuzius bis Kant, ebenso wie die Glaubenslehren von Buddha bis Mohammed, von gewissenlosen, aber hochbegabten Zeitgenossen stets dazu benützt werden, die breite, weniger an derartigen Fragen interessierte, Masse weiterhin in Lohnsklaverei zu halten. Wer die Geistesgeschichte der Menschheit zur Kenntnis nimmt, kann nicht umhin, die Genialität dieser „Mammonisten“ zu bewundern, die es stets vermocht haben, unsere Spezies zum Tanz um das goldene Kalb anzuhalten. Mammon wurde erfolgreich zum obersten Gott aller Götter gemacht und die Menschheit dient in Wahrheit dem Gelde, anstatt dass das Geld dem Menschen dient.

Diese Wahrheit hatte Marx angesichts des Elends der Industriearbeiter seines Jahrhunderts zutiefst bewegt. Er und sein Freund Friedrich Engels gaben den entscheidenden Anstoß, dass seither unablässig über die Fragen des Verhältnisses von Kapital und Arbeit nachgedacht wird und die Idee der sozialen Marktwirtschaft entwickelt werden konnte, welche besonders in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg konkurrenzlos erfolgreich war. Ob der inzwischen im Westen verbreitete angelsächsische Mammonismus ebenso erfolgreich wird, muss sich erst noch beweisen…

Darum sollten wir heutigen uns aller Bilderstürmerei enthalten, egal, ob es sich um Jesus, den Papst, Luther oder Marx handelt.

Hier kann man kluge Marx-Zitate lesen