Bellizisten

Eingetragen bei: Glosse der Woche | 0

Freitag, 7. April 2016

Schon jahrelang ereifern wir hier unten uns über Imperialisten, Bolschewisten, Kapitalisten, Militaristen, Faschisten, Rassisten, Satanisten, Zionisten, Kolonialisten, Narzissten, Masochisten, Hedonisten, Terroristen, Opportunisten, Lobbyisten, Mammonisten und viele weitere, der menschlichen Spezies entsprungene Minderheiten. Jedes Mal hoffen wir inständig, dass es auch noch normale Erdenbürger gibt.

Eine ganz besondere Gruppe des homo sapiens haben wir aber bislang sträflich vernachlässigt: Die Bellizisten. Manche unserer sprachlich mangelhaft vernetzten Zeitgenossen denken vielleicht, dass es sich dabei um Schönlinge handelt, da das Substantiv „Bella“ schließlich mit „Schöne“ übersetzt werden kann. Die meisten teutonischen Mitmenschen werden dabei auch sofort an „Bella Italia“ denken, das südliche Land im Mittelmeer, von dem schon Barbarossa und Goethe hemmungslos geschwärmt haben.

Aber – weit gefehlt: Bellizismus leitet sich sprachlich von „Bellum“ her, was zu deutsch „Krieg“ heißt.

Wir sind verwirrt ob der sprachlichen Nähe dieses lateinischen Wortstammes. Es gibt diese Menschensorte, für die Krieg und Schönheit keine sich ausschließenden Begriffe sind; Menschen, die Kriege schön finden. Besonders in den letzten zwei Jahrzehnten haben wir den Eindruck gewonnen, dass die Zahl derer, die sich einen bella bellum – einen schönen großen Krieg – wünschen, zugenommen hat.

Wie sonst ließe sich erklären, dass von den obersten Eliten fast täglich neue Lügen und Legenden erfunden werden, nur um unwiderlegbare Gründe zu konstruieren, an allen möglichen Orten unseres Globus menschenvernichtende Militärschläge ausführen zu können? Egal, ob es wahnwitzige Terroranschläge vom Kaliber 9/11, ausgekippte Babybrutkästen, Fassbomben auf Zivilisten oder, wie soeben, Saringasangriffe auf Kindergruppen sind, stets findet die „internationale Gemeinschaft“, angeführt von den angloamerikanischen „Wertebeschützern“, einen Grund, renitente Staaten zur Durchsetzung der „westlichen Werte“ zurück in die Steinzeit zu bomben. Seit 2001 haben die anglo-amerikanischen Bellizisten Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Kurdistan, Ostukraine und seit neuestem Jemen im Visier ihrer Bomben und Raketen. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese Kriegstreiber mit ihren „schönen Kriegen“ aufhören werden.

Denn ihr wahres Ziel liegt nicht in Mittelnahost, sondern in Fernost. Darauf wies vor nicht allzu langer Zeit George Friedman, der ungarnstämmige Gründer des STRATFOR-Thinktanks, wieder einmal hin: Die eigentliche globale Ungerechtigkeit der Welt ist für den Westen die Inbesitznahme Sibiriens und des Fernen Ostens, mit seinen nahezu unerschöpflichen Ressourcen, durch Russen und Chinesen. Das hatte bereits 1904 der Brite Sir Halford Mackinder in seiner berühmten Heartland-Studie festgestellt.

Das anglo-amerikanische Imperium hat seither niemals davon abgelassen, diese „ungerechte“ Landverteilung zu seinen Gunsten zu korrigieren. Gegenüber WW II , dem zweiten großen Versuch, Russland in die westliche Abhängigkeit zu zwingen, gibt es beim in Mittelnahost eskalierenden WW III jedoch einen eklatant neuartigen Faktor: Die Nuklearwaffe! Beide Seiten besitzen diesbezüglich ein schreckliches, mehrfaches Overkillpotential, womit der überwiegende Teil der Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt ausgelöscht werden kann. Ob „Trident“ oder „Jars“, den Einsatz derartiger Selbstvernichtungsmittel müssten selbst Bellizisten unschön finden. Dennoch erscheint eine diesbezügliche Ausweitung der laufenden west-östlichen Auseinandersetzungen eher naheliegend als unmöglich.

Freilich, wer sich im Kino oder Fernsehen schon einmal die Explosion einer Nuklearbombe angesehen hat, kann sich eines Schauers, ob der Schönheit dieses Schauspiels, nicht ganz erwehren. Und die Wahrscheinlichkeit, dass wir das noch erleben dürfen, rückt mit jeder Stunde, in der wir die Bellizisten weiter dulden, unaufhaltsam näher.

Andere sehen es so !