Das kollektive Vergessen

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Mittwoch, 12. Oktober 2016

Anlässlich des nun bereits 26. Tages der Einheit, welcher von den Regierenden diesmal In Dresden, der Landeshauptstadt des alten Sächsischen Freistaates, abgehalten wurde, fand ich den folgenden „Offenen Brief“ an uns Sachsen und ehemalige DDR-Bürger, die „Ostdeutschen Landsleute“, des bekannten Westberliner Kolumnisten Hubert von Brunn.

Das kollektive Vergessen – ein offener Brief

Den finde ich deshalb bedeutsam und lesenswert, weil er zeigt, wie weit wir Deutschen – infolge vielfältiger eigener Unzulänglichkeiten und äußerer Einflüsse – noch vom „Deutschland, einig Vaterland“ entfernt sind. Bitte lesen Sie, verehrte Leserschaft, zunächst diesen Mahnbrief, ehe Sie sich vielleicht geneigterweise meiner Antwort zuwenden, die zu verfassen ich nicht umhin konnte.

Ein offener Brief an Hubert von Brunn

Sehr geehrter Hubert von Brunn,

mit Interesse habe ich Ihren offenen Brief an uns „liebe Landsleute in Ostdeutschland“ anlässlich des 26. Jahrestages der so genannten Wiedervereinigung gelesen. Ich habe ihn auch meiner „besten Freundin“ und Kritikerin vorgelesen, die ebenfalls wie ich 45 Jahre DDR- und 25 Jahre gesamtdeutsches Leben hinter sich hat.
Zuerst haben wir herzlich gelacht, dann haben wir uns gründlich geärgert und dann habe ich beschlossen, an Sie ebenfalls einen offenen Brief zu schreiben.
Zunächst einmal: Hinsichtlich der Kritik an die „Wutbürger“ von Dresden geben wir Ihnen Recht. Allerdings ist die politische Kultur in Deutschland seit der Gleichschaltung der Führungsmedien und der Hybris unserer Regierenden sowieso im Keller. Die Protestierer von PEGIDA und anderen Gruppen wurden zuerst von Regierungspolitikern diffamiert und sodann mit Ausdrücken wie „Pack“, „Pöbel“, „Dumpfbacken“, „Nazis“ und so weiter belegt. Kein Grund, mit gleicher Münze zu antworten? Natürlich nicht! Und dass der „Soli“ ungerecht war und ist, unterschreiben wir ebenfalls.
Wie kommen Sie aber auf die Idee, dass Sie alle „Landsleute in Ostdeutschland“ in Haftung nehmen dürfen, nur weil ein paar Wutbürger den regierenden Rechtsbrechern vom Schlage Merkel, Maas und de Maizière ihre hilflose Wut mal direkt ins Gesicht schleudern wollten?
Denn diese Wut ist berechtigt! Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es nämlich heraus! Es geht überhaupt nicht um Ausländerfeindlichkeit! Es geht um Illegalität, Rechtsbruch, Diffamierung und Lüge. Und wenn Sie, lieber Herr von Brunn, richtig zugehört hätten, wäre Ihnen das auch aufgefallen. Ich wundere mich sowieso, wie so ein aufgeklärter, allseits gebildeter und umtriebig erfahrener Zeitgenosse wie Sie, der ja lediglich fünf Jahre jünger ist, als wir, zur sattsam unbeliebten Attitüde der Belehrung von uns „Ostdeutschen“ greift. Gerne habe ich Ihre bisherigen Kolumnen gelesen, auch wenn ich von „Mentaltrainern“ im allgemeinen nichts halte. Und das Buch „Humane Marktwirtschaft“ habe ich allen Freunden empfohlen. Aber was Sie in Ihrem „Offenen Brief“ kolportieren, verschlägt einem fast die Sprache.
Natürlich weiß ich, dass nicht einmal die „meisten Westdeutschen“ so denken, wie Sie es in Ihren Ermahnungen dargestellt haben. Deshalb schreibe ich ja auch an Sie, und nicht an „unsere Landsleute in Westdeutschland“. Diese Diskussion mit dem „Soli“ und den „Milliardeninvestitionen“, insbesondere zur „Dankbarkeitsfrage“, haben wir bereits geführt (und beendet), als wir 1992 das erste Mal „Die Wies’n“ in München besuchten! Schon damals wurde erkannt, dass wir Deutschen nur einer Person „dankbar“ sein müssen: Dem Russen Michail Gorbatschow! Als man uns im gigantischen Bierzelt als „Sachsen“ identifiziert hatte, gingen sofort „paranoide Verlustängstediskussionen“ unserer bayrischen „Landsleute“ los. Nach ein paar Stunden, in denen wir uns darauf geeinigt hatten, dass nicht nur wir „Ostdeutschen“ den WK II verloren haben und dass wir es waren, die den Russen und dem COMECON 45 lange Jahre lang Reparationen zahlen mussten, waren wir dann mithilfe einiger „Mass“ wirklich „verbrüdert.“
Was mich allerdings äußerst bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass Sie als Koautor der „Humanen Marktwirtschaft“ in Ihrem Brief von „Milliardeninvestitionen“ der westdeutschen Landsleute schwadronieren. Wissen Sie denn nicht, wie diese ganze Umverteilungsmaschinerie funktioniert hat? Wissen Sie nicht, dass auch wir „Ossies“ den „Soli“ von Anfang an entrichtet haben? Ist Ihnen unbekannt, wie die „ursprüngliche Akkumulation“ über die Treuhandanstalten gelaufen ist? Ist Ihnen entgangen, wer heute hier die Eigentümer der meisten Immobilien, Industriebetriebe, Handelsketten und Energieverteiler sind? Das sind keine „Ostdeutschen“! Wollen Sie wirklich ignorieren, dass mehrere Millionen „ostdeutscher“ hochqualifizierter Fachkräfte in die „alten Bundesländer gemacht“ sind und dort arbeiten, Steuern und „Soli“ zahlen?
Vielleicht leben Sie ja noch in einer Gedankenwelt der Bundesrepublik vor 1989, die wir, die „friedlichen Revolutionäre“, so erwünscht haben: Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Wohlstand. Doch scheinbar haben Sie nicht bemerkt, wohin sich seitdem das vereinigte, rechtlose Deutschland auf Betreiben der internationalen Finanzindustrie bis zum heutigen „Tag der Einheit“ entwickelt hat! Sonst würden sie die Unsäglichkeit solcher Sätze wie: „Ich richte meinen Appell an diejenigen, die längst in der bundesrepublikanischen Welt angekommen sind und die Vorzüge des Lebens zu schätzen wissen“ von vornherein unterlassen. Und – welche Demokratie meinen Sie eigentlich? Die der im rechtsfreien Raum des ESM agierenden supranationalen Finanzkonzerne, oder den hehren Traum, den Sie und ich von „Demokratie“ vielleicht haben?
Und nun komme ich zu meinem wichtigsten Kritikpunkt: Die sich hier, besonders in meinem Heimatland Sachsen, artikulierende Wut auf die Berliner Regierung unter der ehemaligen FDJ-Propagandistin und jetzigen CDU-Vorsitzenden, angeführt von der PEDIDA-Bewegung, kommt nicht von ungefähr und hat wenig mit Ausländerfeindlichkeit, sondern viel mit Islam- und Regierungsfeindlichkeit zu tun. Diese Regierung merkt offensichtlich genauso wenig wie Sie, lieber Herr von Brunn, dass das Ziel dieser von den Berliner Statthaltern unterstützten imperialen Politik eine „Internationalisierung“ der Deutschen ist. Das hatten die Moskauer Stalinisten ebenfalls auf ihrer Agenda und wir wollten das nicht und wollen das auch jetzt nicht, während es offenbar eine Mehrheit unserer „Landsleute im Westen“ bereits akzeptiert hat oder es ihr egal ist. Hauptsache, sie können ungestört „die Vorzüge“ des westlichen Lebens genießen. Wir wollen nicht diese unsägliche europäische Politik eines EU-Kommissariats! Gegen Kommissariate haben wir hier unten sehr sensible Antennen, egal, ob wir früher mal „friedliche Revolutionäre“, „Wendepolitiker“ oder sonstige „DDR-Bürger“ gewesen sind.
Noch eine Bemerkung zu Ihrer Einlassung, dass die Westdeutschen den Umgang mit „Ausländern“ länger üben konnten, als wir „Ostdeutschen“. Das ist wohl wahr. Wie „Ihr Westdeutschen“ mit den aus Italien und Anatolien hereingeholten Millionen Gastarbeitern umgegangen seid, kann jedermann in Wallraffs Dokumentationen nachlesen. Zusammen mit uns im „innerdeutschen Handel“ arbeitenden Ostdeutschen haben vor allem sie zum von uns tatsächlich beneideten Wohlstand unserer Brüder und Schwestern in der BRD beigetragen. Doch die Abwerbung gut ausgebildeter Fachkräfte aus den Ländern der so genannten Dritten Welt wollen wir ebenfalls NICHT!
Und so frage ich Sie zum Schluss: Wollen Sie, lieber Hubert von Brunn, nicht mit uns gemeinsam gegen die Irrsinnspolitik einer Angela Merkel und ihrer Satrapen angehen, die drauf und dran sind, unser schönes, fleißiges und kulturvolles Deutschland zum Nutzen einer kleinen, mächtigen, superreichen, jedoch vaterlandslosen und antihumanen Clique in den Orkus der Geschichte zu lenken?
Das gäbe doch vielleicht einen akzeptablen Appell zum 26. Tag der Einheit, der doch endlich unser Nationalfeiertag werden sollte!

Mit freundlichen Grüßen
Christian Friedrich Schultze
Ehemaliger Volkskammer- und Bundestagsabgeordneter