Nationalfeiertag

Eingetragen bei: Wieder aktuell | 0

Sonntag, 3. Oktober 2005

Die Feierlaune der Deutschen in West und Ost zum 15. Jubiläum der Wiedervereinigung war mäßig. Das verwundert schon ein wenig, denn das Erreichte kann sich wahrlich sehen lassen. Wenngleich einem die Gründe schwanen, die die schönen Emotionen anlässlich dieses Nationalfeiertages dämpfen.

Horst Köhler, unser derzeitiger unerschütterlich optimismusverbreitender Bundespräsident, hält aufmunternde Reden und mahnt, angesichts der Probleme, in denen unser Land stecke, mehr Mut zu zeigen, diese anzupacken und zu bewältigen. Wir hier unten wussten schon vor seiner unvermeidlichen Wahl durch die neoliberal-konservative Mehrheit der Bundesversammlung, dass wir nunmehr für einige Jahre einen Politnaivling erster Güte an der Spitze unserer Republik ertragen müssen. Und da sehen wir die Angelegenheit noch im positiven Licht. Denn was wäre, wenn es nicht naiv wäre, wie er seine wohlabgewogenen Feiertagsreden hält und die ganze Sache von denen, die in Deutschland jetzt wirklich das Sagen haben, so gewollt ist?
Zunächst mal spürt das Volk, das sich bislang zwei Mal in der Geschichte seiner Kraft bewusst geworden war, im Bauche, dass irgendetwas faul ist im neuen Staate. Als es nach der Weltwirtschaftskrise 1929 mit riesiger Mehrheit beschloss, der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) hinterherzulaufen und dem Führer skandierte, er solle befehlen, es würde ihm folgen, was es dann auch bis zum totalen Chaos tat, zeigte das deutsche Volk der Welt nur 15 Jahre nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, welche Kraft in ihm steckt, wenn es sich einigt. Aber es führte vor allem zur Verbreitung von Angst, Schrecken und Zerstörung für einen großen Teil der Welt und nicht zur Verwirklichung des hehren Zieles, das den deutschen Aufklärern nach der Überwindung des katholischen Mittelalters vorgeschwebt hatte.
Im Herbst 1989 war es zwar nur ein Teil des deutschen Volkes, welches sich plötzlich erhob und sich seiner ungeheuren Kraft friedlich bewusst wurde. Aber immerhin konnte der Chronist zusammen mit den Hunderttausenden diesmal selbst nahezu körperlich die Welle der geschichtlichen Kraft spüren, die entsteht, wenn eine Idee die Massen ergreift. Davon spürt man im Herbst 2004, fünfzehn Jahre danach, freilich nichts mehr. Eher ereilt einen ein allgemein verbreitetes Lamento, das sich aber noch nicht wirklich artikuliert hat, wenn es Anfang des Herbstes mit den sogenannten Anti-Hartz-IV-Demos auch so schien, als begehre das Volk wieder einmal auf.

Doch der Reihe nach: Es war diesmal ein Sonntag, der auch noch mit dem Erntedank und diversen Nachwahlen in Sachsen und Brandenburg einher ging. Da wusste man sowieso nicht recht, worauf man seine Besinnung denn nun richten sollte. Nähme man aber das uralte Fest des Ernteabschlusses zum Anlass, fiele einem genug ein, worauf man stolz zurückblicken könnte. Denn wenn man bedenkt, wie es dem deutschen Volke heute geht, verglichen mit der Situation von 1929 oder 1989 und verglichen mit vielen Nachbarn, dürfte tiefe Freude und Zufriedenheit darüber eigentlich kaum zu bremsen sein. Wie ungerecht behandelt von der Geschichte kamen wir im Osten uns im Grunde vor! Wir hatten doch den zweiten Weltkrieg schließlich nicht alleine verloren, aber mussten in seiner Folge einen großen Teil unserer täglichen Arbeit an die große Sowjetunion abgeben! Mangel an allem allenthalben war das Ergebnis, während unsere westlichen Brüder und Schwestern dank Marshall-Plan und innerdeutschem Handel ein Dolce-Vita erlebten!
Erinnern wir uns nicht mehr an den täglichen Kampf um das Alltägliche? Haben wir Wohnungsnot, Mauer und Eingrenzung, Bevormundung, tägliche Überwachung, Meinungseinfalt und vor allem die tägliche Angst vor einem Atomkrieg in unserem damaligen östlichen System bereits vergessen?
Was haben die Deutschen nach ihrer friedlichen Revolution im Osten trotz Globalisierung und internationaler Rücksichtslosigkeit der Globalsplayer nicht alles geschafft in diesem Jahrzehnt! Die Aufbauleistung in den sogenannten Neuen Ländern unseres Vaterlandes ist beispiellos und doch wohl nur vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre in Westdeutschland. Alles aufzuzählen, würde eine einzige Kolumne leicht sprengen. Es ist ja auch bereits reichlich dazu gesprochen worden. Noch immer ist man hin und wieder überwältigt, wie man sich, kaum einer rigiden Mangelgesellschaft entronnen, an eine dekadente Überflussgesellschaft gewöhnt hat. Keine Atomkriegsgefahr mehr in Mitteleuropa! Gute Straßen, schnelle Schienen, sanierte öffentliche Bauten, neue Wohnungen im Überfluss. Freie Meinung, freie Bewegung, freie politische Betätigung, hartes, überall begehrtes Geld, Nahrung und Information in erschlagender Hülle und Fülle. Und dennoch Depression? Wie passt das zusammen?
Der Chronist glaubt, eine Antwort zu wissen. Das Volk spürt schon, was es geleistet hat. Es fühlt aber, wenn auch zur Zeit eher noch unbewusst, wer das alles bezahlt hat und wer sich dabei schadlos halten konnte. Das schürt ein Gefühl des ungerecht behandelt Seins. Das entwickelt vielleicht das Empfinden für die Fragen nach unten und oben, vor allem, wenn die Apologeten des Kapitals stattdessen lieber einen Krieg zwischen West und Ost vom Zaune brächen, denn dieser wäre unkontrolliertem Profitstreben zuträglicher als die Frage nach Gerechtigkeit bei der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeitsergebnisse.
Daher genügt es derzeit keinesfalls, nur gegen Hartz-IV zu sein. Sondern man muss gegen die wirklichen Gefahren unserer Zeit, die trotz allen Überflusses, trotz friedlicher Umwelt und trotz noch vorhandener Demokratie in unserem Lande wirklich bestehen, zu Felde ziehen. Friedlich, mit spitzer Feder, offenem Wort und gegebenenfalls machtvollen Demonstrationen allerorten. Die Hauptgefahr ist nicht die des islamistischen Terrors, wie man uns einreden will. So schrecklich sich dessen Anschläge ausnehmen, sie sind ziemlich harmlos gegen die grassierende Ungerechtigkeit und den Mangel an Mitteln gegen Armut und Krankheiten in weiten Teilen unserer Welt. Deshalb sollte unsere Gesellschaft endlich gegen ihre drei Hauptgefährdungen zu Felde ziehen: Die anhaltende Massenarbeitslosigkeit, die zunehmende Bildungsmisere und die wachsende Steuerflucht der reichen Nutznießer unseres Gemeinwesens.
Wenn die fleißigen Leistungsträger sich hierin einig werden könnten, dann sollte unserem Gemüt doch besser werden!