Outing

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Hiermit möchte ich meinen Mitmenschen, der interessierten Öffentlichkeit, ja sogar der ganzen Welt mitteilen, dass ich mich ab sofort und überall zu meiner Heterosexualität bekenne, auch wenn ich damit als ganz unmoderner und nach rückwärts gewandter Mensch erscheinen möge. Dies ist mir aber aus zwei Gründen ziemlich gleichgültig. Denn erstens bin ich inzwischen in ein biblisches Alter eingetreten, komme als Fußballstar ohnehin nicht mehr in Betracht. Und Zweitens habe ich mein Berufsleben abgeschlossen, muss also auf Kolleginnen und Kollegen, auf Frauen und Kinder, russische Gesetze und Alice Schwarzers Meinung keine Rücksicht mehr nehmen. Ergänzen möchte ich noch, dass ich Sex jetzt am liebsten habe, wenn die Partnerin oben ist und die Initiative ergreift, bis mir das zuviel wird, ich dann um die Prettydogstellung bitte oder zum Kuscheln übergehen möchte. Gegen Petting, vorzugsweise orales, ist natürlich auch nichts einzuwenden.

Ich betone, dass ich besonderen Wert darauf lege, dass meine Offenbarung vor den Olympischen Spielen in Sotschi von der Weltöffentlichkeit und vor allem von Rußlands gegenwärtigem Präsident wahrgenommen wird. Das erhöht ihre Bedeutung ungemein! Ich habe nämlich festgestellt, dass die Outings der Normalvögler im Grunde an einer Hand abzuzählen sind. Daraus und aus dem seit Jahren stattfindenden Medienhype zur neuen Genderfrage schließe ich, dass die Heteros zumindest in Westeuropa in eine beängstigende Minderheit geraten sind. Zwar war ich froh darüber, dass die Spitzenmeldung der Medien, sogar des sonst einigermaßen seriösen Deutschlandfunks, über die Schwulität des ehemaligen Profifußballers und Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzelsperger, die er heute mutig bis zur Selbstaufgabe bekanntgegeben hat, die seit vierzehn Tagen rollende Medienwelle zum Skiunfall des in der Schweiz lebenden und dort steuerzahlenden deutschen Formel-1-Helden Michael Schumacher abgelöst hat. Aber etwas beängstigend ist es schon, dass man sich ganz allmählich zu einer gefährdeten Minderheit zählen muss. Und zwar nicht nur, weil man alt wird.

Nun ist in Rußland der überwiegende Teil der Bevölkerung negativ zur Homosexualität eingestellt, wahrscheinlich, weil er religiös-orthodox ist. Da liegt es ja bereits in der Bedeutung des Wortes! Analverkehr ist bei den Orthodoxen ähnlich wie bei den Katholiken, Evangelikalen und Moslems einigermaßen verpönt. Wer weiß aber schon, was die Zukunft bringt? Es scheint ja so zu sein, dass mit zunehmendem Wohlstand und verbesserter Alphabetisierung der Anteil der Homosexuellen exponentiell ansteigt, jedenfalls wenn man danach geht, wer sich dahingehend alles geoutet hat und wie die Medien darüber berichten.

Da ich mich daher in einer gewissen Sorge befinde, dass gleichgeschlechtliches Vögeln in unseren Breiten womöglich noch zur Pflicht erhoben wird, erwäge ich bereits eine Auswanderung nach Rußland, es sei denn, dass sich vor Beginn der Winterspiele im Kaukasus auch noch Wladimir Putin als homosexuell outet. Mir persönlich wäre es deshalb sehr lieb, wenn der Mann seine sexuellen Praktiken in einer öffentlichen Demonstration alsbald klarstellen würde. Öffentlich geritten ist er ja schon und beim Angeln konnten wir ihn auch bewundern! Das könnte für meine Auswanderungsentscheidung sehr hilfreich sein.

Im übrigen habe ich beschlossen, dass ich ab sofort überhaupt keinen Sport mehr anschaue, da die Wettbewerbe der sporttreibenden, gekauften wandelnden Litfaßsäulen sämtlicher Sportarten auch noch von stundenlangen, unerträglichen und sich wiederholenden Werbespots zerhackt werden, was nur ein seelisch völlig abgestumpfter Mensch ohne bleibenden Hirnschaden durchhalten kann.

Wenn diese Spitzenwerbeträger nun auch noch Aufkleber tragen müssen, von welchem genetischen Mix sexueller Veranlagung sie sind, sei er nun homo-, hetero-, bisexuell oder gar sodomistisch, sado-masochistisch oder pädofil, halte ich meine nervliche Belastbarkeit für endgültig überfordert und verweigere künftig jeglichen Medienkonsum.